Erinnerungen an unsere Zeit
in der DDR bis zur Wende

Gottfried Paul, 2006

In der DDR gab es neben den traditionellen Kirchen wie der Katholischen und Evangelischen Kirche auch staatlich registrierte Freikirchen wie die Evangelisch-Methodistische Kirche, die Evangelische Brüder-Unität, Freie Evangelische Gemeinde, den Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden mit den Baptisten-, Brüder- und ELIM-Gemeinden, die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, und es gab auch noch die Mormonen, Christengemeinde und die Neuapostolische Kirche. In der DDR wurde wohl keine neue Gemeinde registriert. Die Zeugen Jehovas waren verboten, doch man ließ sie mit ihren Aktivitäten relativ in Ruhe.

Geistlich erweckte Zentren, teilweise Bruder- und Schwesternschaften, gab es in Bräunsdorf, Großhartmannsdorf, Slate, im Schniewindhaus in Schönebeck und wohl noch an anderen Orten in unserem Land. Hier war Raum für Einkehr und Besinnung. Ebenso arbeitete Pfarrer Paul Toaspern innerhalb der Evangelischen Landeskirche an der Geistlichen Gemeindeerneuerung und führte auch Konferenzen in Berlin durch.

In den siebziger und achtziger Jahren entstanden innerhalb der Kirchen und Freikirchen charismatische Hauskreise. Sie wurden je nach Gemeindepastor geduldet oder gefördert. Das Ziel dieser Kreise war die geistliche Gemeindeerneuerung. Es gab auch Kirchenausschlüsse einzelner aus diesen Gruppen, meist aufgrund von Glaubenstaufen, die bei Gemeinden der Augsburger Konfession als Wiedertaufen abgelehnt werden. In den achtziger Jahren stieg die Zahl der Glaubenstaufen an und somit wuchsen auch die Konflikte mit den Kirchen. Es gab viele Übertritte in andere Kirchen, meist zu ELIM-Gemeinden, und es entstanden auch neue Gemeinden. Anfang der achtziger Jahre gab es diese Bewegung zu freien Gemeinden und Hauskreisen, die zuerst keine Registrierung beim Staat suchten. Diese neuen Gemeinden wurden von den Kirchen und registrierten Gemeinden als Bedrohung oder Sektiererei angesehen und entweder ignoriert oder bekämpft. Auch habe ich von einer Razzia staatlicher Stellen bei einer freien Gemeinde mit Versiegelung der Gemeinderäume gehört.

Es gab enge Kontakte unter den erweckten Christen in der DDR und der Informationsfluss funktionierte ohne Organisation, wie ein unsichtbares Netzwerk. Zwei Brüder, Werner Morgenstern und Eckhard Neumann in Berlin, hatten einen überregionalen apostolischen Dienst in dieser Bewegung. Eckhard Neumann arbeitete mit Pfarrer Klaus-Dieter Lüdtke aus Deetz unter dem Dach der Evangelischen Landeskirche zusammen. Dadurch konnten ab 1984 jährlich ein bis zwei dreimonatige Jüngerschaftsschulen durchgeführt werden. Ab 1988 wurden von ihnen in Berlin Glaubenskonferenzen organisiert. Hier kamen bis zu 3.000 Christen mit den unterschiedlichsten Glaubensprägungen zusammen, zum einen aus bestehenden Gemeinden und zum anderen aus freien Gruppen. Bei diesen Konferenzen war die Versorgung oft ein Problem, aber erfinderische Leute haben beispielsweise einmal bei einer Konferenz zwei Nächte lang Buletten gebraten und alle wurden satt. Dies sehe ich als göttliche Vorbereitungszeit für die politische Wende.

Durch die Jüngerschaftsschularbeit und den Reisedienst von Eckhard Neumann und Pfarrer Klaus-Dieter Lüdtke sowie durch die Arbeit von Werner Morgenstern, Pastor Paul Toaspern und anderen Leitern aus geistlichen Zentren wurde eine charismatische, geistliche Erneuerung im Land gefördert. Bei den Konferenzen, Kirchenwochen und Rüstzeiten wurden Verbindungen geknüpft, und viele Kontakte zum Ausland kamen zustande. Die Christen von »außerhalb« brachten viele geistliche Bücher mit in die DDR, die intensiv gelesen und gegenseitig ausgetauscht wurden. Man hatte den Eindruck, dass interessierte Gemeindemitglieder in der DDR oft besser über aktuelle geistliche Bewegungen usw. Bescheid wussten als viele Christen in der Bundesrepublik.

Es bestanden auch rege Kontakte in die Länder Osteuropas, in die wir reisen durften, wie nach der CSSR, Polen, Ungarn, Rumänien, oder Bulgarien. Man organisierte Begegnungen und Einsätze, gemeinsame Urlaubszeiten mit Christen aus dem Westen in diesen Ländern, da solche Treffen dort nicht so auffällig gegenüber den Sicherheitsorganen der DDR waren.

Kurz vor der politischen Wende, in den achtziger Jahren, war die Offenheit der Menschen wohl am größten. Mit der Wende hatten viele Christen die Hoffnung, dass eine Erweckung bei den Menschen der ehemaligen DDR kommen könnte. Viele neue Gemeinden wurden Anfang der neunziger Jahre gegründet, welche meist schon vorher als Hauskreis oder im Untergrund existierten. Nach der Wende beschäftigten sich die Leute mehr mit materialistischen Dingen und das Sorgen um das Alltägliche füllte teilweise das Vakuum, das der Zusammenbruch des Kommunismus geschaffen hatte. Ihr Interesse an Glaubensdingen hat zeitweise nachgelassen. Neu war für die Christen auch, mit den vielen Angeboten an christlichen Kongressen, Büchern, Reisen, Missionswerken usw. richtig umzugehen. Mit der Zeit jedoch fanden und finden sie ihren Platz in der neuen Gesellschaft. Sie bringen sich auch dort ein, wo sie um ihres Glaubens willen vorher daran gehindert wurden.

Es gingen auch Wünsche und Visionen in Erfüllung. Noch in tiefsten DDR-Zeiten träumten z.B. erweckte Kinder und Jugendliche in Herrnhut davon, dass die großen Stadien eines Tages nicht wegen des Fußballes gefüllt sind, sondern dass Christen sich in großen Arenen versammeln und miteinander Gott loben. Als zum Jesustag nach Berlin eingeladen wurde und wir erlebten, wie viele Christen im Olympiastadion Gott priesen, hat uns das sehr bewegt. Und es wurde auch die Chance genutzt, endlich in die Mission gehen zu können und dem Ruf Gottes nachzukommen, der auch schon zu DDR-Zeiten auf dem Leben einzelner Christen lag.